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Ich komme frisch aus dem Sommerurlaub. Paris, Bretagne, Hauptsache Croissants. Das Wort, das ich im Französisch-Unterricht nie hatte, ĂŒber das bei den Nachbarn aber dort immer hĂ€ufiger fĂ€llt lautet Canicule (laut Google Trends +250% in den vergangenen fĂŒnf Jahren). Canicule heißt Hitzewelle und in Frankreich weiß man gerade gar nicht an welchem die letzte aufhörte und die momentane begann.

Ist es auch zu heiß zum Spielen?

Nicht fĂŒr portable Konsolen, die man auch mit in den Schatten nehmen kann (Was ich gerade spiele verrate ich am Ende der Mail). Aber drinnen zu sein wĂ€ren einem die Soße aus den Poren giesst: eher ungeil. Interessanterweise sind trotzdem gerade viele Gamer:innen in Paris und nehmen beim Esports World Cup statt. Ich hoffte, sie haben dort ĂŒberhaupt noch KlimagerĂ€te bekommen, die waren in Frankreich wĂ€hrend der Hitzewelle nĂ€mlich reihenweise ausverkauft (Gamestar). Mehr dazu unten. Ich selbst habe den EWC geskippt und die aggressive Werbung und Ticket-Verschenkaktionen all over town lĂ€sst vermuten, dass auch sonst viele Leute bei dem Wetter eher was anderes gemacht haben.

Sollten deswegen Veranstalter und Industrie fĂŒr mehr Klimaschutz einstehen?

Logisch wĂ€rs. Aber nach meinem BauchgefĂŒhl ist die Debatte im Gamingℱ noch nicht angekommen.

In dieser Ausgabe unter anderem: die Backstory zu meiner ersten ZEIT-Gaming-Reportage ĂŒber Andrew und die absurde Jugendschutz-LĂŒcke, ein Weltcup bei 36 Grad und der KI-Boom, der uns gerade die Konsole verteuert.

Laut Handbuch soll die Switch 1 bei maximal 35 Grad Celsius betrieben werden

🍕 HEISS UND FERTIG

Eine Recherche an der ich seit dem Winter saß ist mittlerweile draußen, bei der ZEIT, und sie handelt von Andrew aus Brandenburg (knapp nicht mehr fĂŒnfzehn) der Counter-Strike auf einem Niveau spielt, das in Deutschland kaum jemand erreicht. Genau deshalb hat er ein Problem, und das Problem heißt Jugendschutz.

Gekommen bin ich auf das Thema, weil die CS Seite HLTV monatlich ihre Prospects, also Talente, vorstellt und da seit Beginn noch nie ein Deutscher aufgetaucht ist. Dabei gibt es Deutsche die Videospiele spielen, aber in Counter-Strike sind sie, das muss man jetzt ehrlicherweise mal zugeben, einfach nicht besonders gut. Andrew ist da eine echte Ausnahme und es war interessant zu sehen wie wenig es ihm die aus Gamer:innensicht gewonnene GemeinnĂŒtzigkeits-Kampagne tatsĂ€chlich hilft.

☘ WARUM ANDREW SO LANGE VON ZU HAUSE GESPIELT HAT

Es gibt in Berlin eine Einrichtung, die seit 1994 darĂŒber entscheidet, was Kinder und Jugendliche in Deutschland spielen dĂŒrfen. Sie sitzt am Stralauer Platz, gegenĂŒber dem Ostbahnhof, in einem unscheinbaren BĂŒrohaus ohne Streifenwagen und ohne Amtsschild, und trotzdem hat das Kennzeichen, das sie vergibt, Gesetzeskraft. Sie heißt USK, Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, und getragen wird sie von der Spiele-Branche selbst. Als ich jĂŒnger war, hatte die USK einen richtig schlechten Ruf bei uns Gamern. Weil sie mir und meinen Freunden Spiele indizierte, Blut in Shootern verbot und "einfach nichts checkte", wie wir einstimmig befanden.

Um so witziger war, dass ich fĂŒr die Recherche mit Elisabeth Secker sprach, der GeschĂ€ftsfĂŒhrerin, und feststellte, dass mein Teenager-Bild vorne und hinten nicht stimmt. Die USK ist weltweit die einzige Ratinginstitution, die Spiele nicht nur auf dem Papier prĂŒft, sondern Leute beschĂ€ftigt, die sie durchspielen. Zocken als Beruf, in den eigenen RĂ€umen, damit ein Gremium am Ende entscheiden kann. TrĂ€umchen. Und meinen alten Gamer-Groll dreht Secker mit einem Satz um: "Die USK verbietet keine Spiele, wir ermöglichen die Teilhabe."

Im GesprĂ€ch kam dann der Moment, der das Wirrwarr fĂŒr mich auf den Punkt brachte. Ich hatte die USK immer fĂŒr eine Behörde gehalten. Ist sie aber gar nicht. "Die USK ist keine Behörde", sagt Secker, "wir sind die Selbstkontrolle der Games-Branche." Der Staat sitzt trotzdem mit im Haus. Zwei stĂ€ndige Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden haben ihre BĂŒros direkt bei der USK. Witzig wird das erst, wenn man weiß, dass ausgerechnet diese Landesjugendbehörden mit ihrer strikten Auslegung Andrews Problem festhalten. In den ZEIT-Artikel hat das aber nicht mehr gepasst. Der schnellste Ausweg wĂ€re laut Secker ĂŒbrigens, wenn sie das Gesetz etwas liberaler lesen wĂŒrden. Die Leute, die das könnten, trinken bei ihr im Haus Kaffee.

So funktioniert das Kennzeichen. Die USK sichtet ein Spiel und gibt ihm eine Altersfreigabe. USK 16 heißt: fĂŒr JĂŒngere nicht freigegeben, und nach Paragraf 14 des Jugendschutzgesetzes ist das bindend. Ein HĂ€ndler darf einem FĂŒnfzehnjĂ€hrigen kein USK-16-Spiel verkaufen, und öffentlich zugĂ€nglich machen darf es ihm auch niemand. Counter-Strike 2 ist so ein Titel.

Die eine Ausnahme ist das Wohnzimmer. Das Elternprivileg in Paragraf 12 erlaubt Eltern, ihren Kindern gekennzeichnete Spiele trotzdem zugÀnglich zu machen. Zuhause entscheiden also die Eltern, und Andrew darf spielen. Im Verein greift diese Ausnahme nicht, weil ein Vereinsraum rechtlich als öffentlich gilt, auch wenn der Trainer daneben sitzt und die Eltern unterschrieben haben. Dort zÀhlt wieder das bindende Kennzeichen.

Wie das konkret aussieht, erzĂ€hlt Max Brömel, der den E-Sport bei Eintracht Frankfurt leitet. In der Transferphase im November hat sich sein Team in Valorant einen fĂŒnfzehnjĂ€hrigen RumĂ€nen angeschaut, jemanden, mit dem man um die europĂ€ische Spitze mitspielen will. Unterschrieben hat der Junge dann auch, bloß nicht bei Eintracht. Sein Vertrag lĂ€uft bei einem Team in Tschechien, wo er jetzt auf seinen sechzehnten Geburtstag wartet, um einzusteigen. "Egal was deine Eltern unterschreiben", sagt Brömel, "wir können das am Ende des Tages nicht leisten." Der USK macht er trotzdem keinen Vorwurf, dass sie so progressiv sei, findet er "absolut spitze". Sein eigentlicher Punkt ist ein anderer: "Wir mĂŒssen auch ehrlicher zu Talenten sein."

Und dann ist da noch die Forschung, die zu dem Fall schlicht nichts sagt. Ruth Wendt, Medienforscherin an der LMU MĂŒnchen, hat fĂŒr mich nachgeschaut: "Auf so einen spezifischen Kontext wie jetzt im Verein gibt es meines Erachtens nach keine Studien." Was sie sagt, ist eher grundsĂ€tzlich:

❝

"Es gibt halt wenig Evidenz, dass Verbote was bringen fĂŒr das Wohl der Kinder."

Ruth Wendt, Medienforscherin

Am 27. August steht zum ersten Mal ein amtierender BundesprĂ€sident auf der gamescom. Frank-Walter Steinmeier eröffnet in Köln den gamescom congress, Motto: Spielfeld Demokratie, gefeiert wird die politische Kraft von Games. Ich sage schon lange, dass Games politisch sind. Nur die Politik spielt halt nicht mit, sonst wĂŒsste sie um die Probleme des E-Sport-Nachwuchses in Deutschland. Vielleicht fragt ja mal jemand Frank-Walter nach seinem CS-Rank.

đŸ•č STOP KILLING GAMES

Der zweite große Strang, an dem ich gearbeitet habe. 1,3 Millionen Menschen haben in der EU unterschrieben, dass Hersteller gekaufte Spiele nicht einfach abschalten dĂŒrfen. Am 16. Juni hat die EU-Kommission geantwortet: ein Gesetz dafĂŒr wĂ€re nicht verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig. Wer die Rechte hĂ€lt, bestimmt, wann die Lizenz endet, und mit ihr das Spiel. Statt eines Gesetzes gibt es einen freiwilligen Verhaltenskodex, den die Industrie mitschreiben darf.

Dahinter steht eine Frage, die nichts mit Controllern zu tun hat: Was bedeutet Besitz noch, wenn das Besessene jederzeit aus der Ferne verschwinden kann. Dein Spiel, dein E-Book, dein Film in der Mediathek. Gute News fĂŒr mich: Auch diese Recherche wird in der ZEIT erscheinen. Ich schreibe gerade auf, wie es zu der Antwort kam und wer dieser Ross Scott ist. Wer tiefer rein will, bekommt das GesprĂ€ch mit Ross Scott und Moritz Katzner von der Initiative demnĂ€chst hier im Newsletter als lange Beilage. Vielleicht sogar nicht nur geschrieben? (kleiner Spoiler)

Ross Scott vor seinem Rechner in Polen

⚡ KURZ NOTIERT

Ubisoft, ausgerechnet Ubisoft.

Die Firma, deren abgeschaltetes Rennspiel The Crew die ganze Stop-Killing-Games-Bewegung ausgelöst hat, steht selbst am Abgrund. FĂŒr das vergangene GeschĂ€ftsjahr meldete Ubisoft rund eine Milliarde Euro operativen Verlust (CNBC), im Januar stĂŒrzte die Aktie an einem einzigen Tag um 34 Prozent, seit 2021 hat sie ĂŒber 90 Prozent verloren (PC Gamer). Tencent hat ĂŒber eine Milliarde Euro in eine neue Tochter gesteckt, Vantage Studios, die Assassin's Creed und Far Cry hĂ€lt (VGC), im Juli machte der Konzern die Studios im kanadischen Winnipeg und im serbischen Belgrad dicht (Ubisoft Q1-Bericht). Vor Gericht hatte Ubisoft den Crew-KĂ€ufern noch entgegengehalten, sie hĂ€tten das Spiel ein Jahrzehnt lang genossen und könnten sich jetzt nicht beschweren (PC Gamer). FĂŒr die beiden Nachfolger hat der Konzern unter dem Druck der Initiative einen Offline-Modus nachgeliefert, The Crew selbst bleibt tot. Was Ubisoft nicht wollte, haben Fans erledigt: Seit September lĂ€uft mit The Crew Unlimited ein selbstgebauter Server-Emulator, der das Spiel wieder online bringt (GamesRadar). "No one will ever be able to take this away from you now", sagen die Macher der Emu. Gilt das Zitat auch fĂŒr Ubisoft selbst?

Der Weltcup ist nach Paris geflĂŒchtet.

Wie eingangs erwĂ€hnt. Der Esports World Cup, das grĂ¶ĂŸte Turnier der Szene, finanziert aus Saudi-Arabien, findet dieses Jahr zum ersten Mal außerhalb Saudi-Arabiens statt, in Paris (Wikipedia). Grund ist die Sicherheitslage im Nahen Osten, den Umzug fĂ€delten Macron und der saudische Kronprinz in direkten GesprĂ€chen ein (dotesports), inzwischen bewirbt die ÉlysĂ©e das Event offiziell (elysee.fr). Als ich in Paris war, war jede Ecke mit EWC Plakaten vollgekleistert. Was das wohl gekostet hat. Der Veranstalter feiert 100.000 verkaufte Tickets, nur misst diese Zahl keine Besucher. Sie zĂ€hlt verkaufte TagespĂ€sse, und wer eine ganze Turnierwoche sehen will, kauft mehrere davon, selbst fĂŒr die großen Finals waren zuletzt noch welche zu haben. Dazu war es in Paris knĂŒppelheiß, in Woche eins bis zu 36 Grad, der Veranstalter verteilte Wasserstellen (Insider Gaming), der EWC postete ĂŒber seinen Account selbst die "sweatiest CS2 lobby of all time" ganz ohne Klimaanlage. Paris rechnet trotzdem mit bis zu 600 Millionen Euro Wirtschaftseffekt, hat die Mehrwertsteuer auf Tickets gesenkt und eine Task Force fĂŒr schnelle Visa aufgestellt (InfosTourisme). Der Imagegewinn bleibt in der Stadt, das Geld und die Kontrolle bleiben saudisch. Ab 2027 soll der Weltcup zurĂŒck nach Riyadh, natĂŒrlich geht das nur, wenn dort dann Frieden ist.

Ich will mir einen neuen Gaming-PC kaufen, aber es gibt 99 Probleme.

Ihr wisst es bereits. Es ist ein Pain. Arbeitsspeicher wird knapp und teuer, weil Samsung, SK Hynix und Micron ihre Wafer (die Silizium-Scheiben, aus denen Chips geschnitten werden) lieber als hochmargigen KI-Speicher an Rechenzentren verkaufen (S&P Global). Nintendo hat als erster großer Hersteller reagiert und die Switch 2 zum 1. September von 449 auf 499 Dollar angehoben, ausdrĂŒcklich wegen gestiegener Speicherkosten (TechTimes). Ein 32-Gigabyte-DDR5-Kit kostete im Juni rund 375 Dollar, etwa das Vierfache von vor anderthalb Jahren (Tom's Hardware), und die Grafikkarten ziehen mit. Der KI-Wettlauf entscheidet sich in den Rechenzentren, bezahlen tun wir ihn an der Ladentheke. Also ich nicht. Einen neuen Gaming-PC werde ich mir so schnell nicht leisten.

Die Entlassungen hören nicht auf.

Am 31. Juli hat das Studio Refactor Games rund 85 Prozent seiner Belegschaft verloren, etwa 80 Leute, praktisch das ganze Team (Polygon). Refactor hatte gerade das offizielle WM-Spiel fĂŒr Netflix abgeliefert, FIFA World Cup, im Juni erschienen, 1,5 Millionen Spieler in der ersten Woche. Netflix-Co-Chef Greg Peters lobte den Start noch als einen der erfolgreichsten Cloud-Game-Launches des Konzerns, dann zog der Publisher die Finanzierung, und das Studio war weg. Ein Ausreißer ist das nicht, die Welle zieht 2026 wieder an. Ich bin in der neuesten Folge des Hawkeye Sport-Podcasts zu Gast und rede ĂŒber Fifa und Gaming. Link folgt in der nĂ€chsten Ausgabe.

Das war die dritte Ausgabe Overpowered. Die nÀchste kommt nÀchste Woche. Nagelt mich drauf fest.

Achso, was ich gerade zocke? Ich habe endlich mit Disco Elysium angefangen. Und im Tab hinter dem Newsletter-Editor feedet gerade die MĂŒhle bei Candybox 2 🍬

Welche Gaming Themen ballern euch gerade in die Timeline? Schreibt mir eure Recherchefragen an [email protected].

Bis nÀchste Woche,
Yannic

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